Chung
  2011, Nr. 48, Women's Letter in German
  



Liebe Leserinnen und liebe Leser

40 Jahre ist es nun her, seit die Schweizerinnen das Stimm- und Wahlrecht erhalten haben. Erstaunlich spat! Und obwohl sie viel erreicht haben, gibt es noch Nachholbedarf. Die Frauen im globalen Suden haben ihr Stimm- und Wahlrecht fruher als die Schweizerinnen erlangt, namlich bei der Befreiung von der Kolonialmacht. Dennoch ist es noch nicht so weit, dass die Frauen ihr Recht auf Mitgestaltung auf allen Ebenen auch ausuben konnen. Kurz gesagt: es mussten deutliche Solidaritatsaktionen zugunsten jener Frauen uberall auf der Welt stattfinden, die noch immer um Gleichberechtigung und Gerechtigkeit kampfen mussen. Seit in den Anfangen der Frauenbewegung im 19. Jahrhundert die Rechte der Frauen immer mit Menschenwurde und den Menschenrechten verknupft gesehen und Solidaritatsbewegungen organisiert wurden, hat sie ihren eigenen Sinn und Zweck.

Diese Ausgabe des Frauenbriefes handelt vom Wasser als Frauenrecht. Naturlich sollte die Grundversorgung wie die Infrastruktur, Strassen, Wasserleitungen usw. vom Staat errichtet werden. Doch sieht die Realitat anders aus: An vielen Orten leisten unsere Partnerkirchen und –organisationen diese Arbeit neben der Diakonie, so wie es einst auch in Europa der Fall war.

Nach wie vor sind Frauen haufig Tragerinnen des Lebens in ihren Familien. Bei der Alltagsbewaltigung stellt das Wasser sehr haufig eine einseitige Belastung dar, wenn rechtes Leben erhalten werden soll. Darum lasst sich die Wasserthematik nicht von der Genderthematik trennen. Es ist wohl kein Zufall, dass der Oberbegriff fur Gerechtigkeit im Alten Testament, sedekah, ein Femininum ist. Dieser Begriff bezeichnet angemessenes Verhalten in der jeweiligen Beziehung und im jeweiligen Kontext. Bei der Frage nach Gerechtigkeit ist die Unterdruckung in ihren mancherlei Formen zu berucksichtigen.

Wir stellen ihnen die Lebens-, Leidens- und Aktionsgeschichten von Frauen vor. Die Beispiele aus Indonesien, Peru, Costa Rica, Nigeria und der D.R.Kongo aus Schweizer Sicht
durch Retni Mulyani, Ebed Grijalva Yauri, Violete Rocha, Suzan Mark und Hanni Fassler zeigen, wie die Frauen an ihrem Ort im Leben versuchen, ihre Lebensumstande zu andern. Sie sind uberall als Akteurinnen der Veranderung dabei. Dies sind zwar nur ein paar Tropfen auf den heissen Stein. Aber jeder Tropfen zahlt.

„Mich durstet!“ So sagt Jesus Christus, der selber mehrmals als das Wasser symbolisiert ist und dennoch Durst gelitten hat. Diese Person Jesus Christus, der unseren Durst stillt und uns zum ewigen Leben fuhrt, fordert und auf, als Christinnen und Christen Durst nach Gerechtigkeit zu haben und fur die weltweite Gemeinschaft einzustehen.

Ich wunsche Ihnen viel besinnliche Zeit beim Lesen und gute Inspiration.

28. Februar 2011, Basel
Pfrn. Dr. Meehyun Chung
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